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EU-WERKSTATT · KAPITEL-START

Geografie und wirtschaftliche Bildung · Politische Bildung · Sek I

🇪🇺 Wie ein EU-Gesetz entsteht

Wer entscheidet in Europa?
Und was kannst du selbst tun, damit ein Gesetz entsteht?

Darum geht es in diesem Heft:
Die EU ist ein Bund aus 27 Ländern.
Österreich und Deutschland sind dabei.
Die Schweiz ist nicht dabei.
Du lernst: Wer macht die Gesetze in der EU?
Du lernst: Wie kannst du selbst mit-bestimmen?
Und du lernst: Warum klappt das manchmal nicht?
🎮 So arbeitest du mit der Simulation:
Du bearbeitest echte Fälle aus der EU.
Zum Beispiel: das gleiche Lade-Kabel für alle Handys.
Du beantwortest Fragen mit Karten.
Jede Karte hat ein i-Zeichen. Es erklärt dir alles.
Eine falsche Karte landet im Müll-Eimer.
Am Ende liest du: So war es wirklich.

Wer entscheidet eigentlich in Europa – und was kannst du selbst bewirken, damit aus einer Idee ein Gesetz für 450 Millionen Menschen wird?

Darum geht es in diesem Kapitel: Du lernst, wie die Europäische Union funktioniert: welche Institutionen es gibt und wer das hat, wie ein im Mitentscheidungsverfahren entsteht, wie du mit der selbst mitbestimmen kannst – und warum , Zuständigkeitsgrenzen und zähe Verfahren dazugehören, wenn 27 Staaten gemeinsam entscheiden.
AT · GW 4.2 & 4.5 (EU, Grundfreiheiten, Werte) AT · GW 4.4 & 4.6 (EU-Integration) AT · GPB 4. Kl. (Europäisierung, Mitbestimmung) DE · BY: Einheit & Vielfalt in Europa (Jg. 7) DE · DGfG H3 (raumpolitische Beteiligung) CH · LP21 RZG.8.3 (Schweiz und EU)
🎮 So arbeitest du mit der Simulation: Du arbeitest dich durch zehn echte EU-Fälle – vom Käfigverbot („End the Cage Age") über das einheitliche Ladekabel (USB-C) bis zu „Stop Brexit". In jedem Fall begleitest du eine Jugendliche oder einen Jugendlichen und beantwortest die entscheidenden Fragen mit Karten zu Institutionen, Verfahren und Akteuren. Jede Karte hat ein i-Symbol mit einer Detail-Ansicht voller Fakten. Falsche Antworten bekommen eine Erklärung – richtig grobe Fehler landen sichtbar im Mülleimer. Die Prozessleiste zeigt dir den Weg des Falls Schritt für Schritt, am Ende liest du unter „So war es wirklich", wie es in Brüssel tatsächlich ausging. Pro Fall gibt es bis zu 5 Sterne, dazu Auszeichnungen und einen Profi-Modus mit weniger Hilfen.
💡 Verlaufsvorschlag (Doppelstunde): (1) Einstieg 10′ – Ladekabel hochhalten: „Warum passt heute ein Kabel in fast jedes Handy?" Vorwissen zur EU sammeln (Karte: Wer ist Mitglied? Schweiz?). (2) Erarbeitung I 15′ – Seiten 1–2 gemeinsam (Was ist die EU, Institutionen). (3) Simulation 30′ – Pflichtfall „Käfige abschaffen!" (Bürgerinitiative), danach ein Wahlfall („Ein Kabel für alle" oder „Stop Brexit!"). (4) Auswertung 15′ – Lehrer-Cockpit → Ergebnisse: Sterne und Mülleimer-Zahl vergleichen; Kernfrage: „Wer darf in der EU Gesetze vorschlagen?" (5) Vertiefung 20′ – Seiten 4–5 (Bürgerinitiative, Lobby & Grenzen), Debatte zu Glyphosat als Abschluss oder Hausübung.
Hinweis: Die Simulation dauert pro Fall nur 5–10 Minuten – gut portionierbar. Für den inklusiven Unterricht gibt es dieses Kapitel zusätzlich in Leichter Sprache.
SEITE 1 · WAS IST DIE EU?

1 · Was ist die EU?

EU heißt: Europäische Union.
Das ist ein Bund aus 27 Ländern.
In der EU leben ungefähr 450 Millionen Menschen.
Österreich ist seit 1995 dabei.
Deutschland war von Anfang an dabei.

Die Schweiz ist nicht in der EU.
Die Schweiz hat eigene Verträge mit der EU.
Das kleine Land Liechtenstein ist auch nicht in der EU.
Aber es macht beim gemeinsamen Markt mit.

Die EU darf nicht alles bestimmen.
Über die Schule bestimmt jedes Land selbst.
Über den Handel bestimmt die EU für alle.

📊 Echte Zahlen:
1994 gab es in Österreich eine Volks-Abstimmung über die EU.
Von 100 Menschen sagten ungefähr 66: Ja, wir wollen in die EU.
Seit dem 1. Jänner 1995 ist Österreich in der EU.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Stop Brexit" lernst du:
Die EU darf nicht alles.
Die Karte „EU-Zuständigkeit" erklärt dir das genau.
✏️ Aufgabe:
  1. Schau auf eine Europa-Karte.
    Welche Nachbar-Länder von Österreich sind in der EU?
    Welches Nachbar-Land ist nicht in der EU?

1 · Was die EU ist – und was nicht

Die Europäische Union ist ein Verbund von 27 Staaten mit rund 450 Millionen Menschen und 24 Amtssprachen [1]. Sie ist kein Bundesstaat wie die USA – jedes Mitglied bleibt ein eigener Staat. Aber die Mitglieder haben vereinbart, bestimmte Dinge gemeinsam zu regeln: vor allem den mit seinen vier Grundfreiheiten (Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital bewegen sich frei über die Grenzen). Du spürst die EU täglich, oft ohne es zu merken: kein Aufpreis fürs Handy im EU-Ausland (Roaming), der Euro in 20 Ländern, Auslandsjahre mit Erasmus+, keine Passkontrolle an den meisten Binnengrenzen.

Österreich stimmte am 12. Juni 1994 in einer Volksabstimmung mit 66,6 % für den Beitritt und ist seit dem 1. Jänner 1995 Mitglied [2]. Die Schweiz ging einen anderen Weg: 1992 lehnte das Stimmvolk den knapp ab (50,3 % Nein) – seither regelt sie ihr Verhältnis zur EU über mehr als 100 bilaterale Verträge [3]. Das winzige Liechtenstein ist seit 1995 im EWR und macht damit beim Binnenmarkt mit, ohne EU-Mitglied zu sein [3].

Wichtig: Die EU darf nur regeln, wofür ihr die Staaten die übertragen haben. Handel, Verbraucherschutz oder Umweltstandards – ja. Schule, Steuersätze, Familie oder Militär – das bleibt Sache der Mitgliedstaaten. Dahinter steht das Prinzip der : Die EU soll nur regeln, was sie besser lösen kann als die Länder selbst – alles andere wird möglichst nah bei den Menschen entschieden.

📊 Echte Zahlen: EU: 27 Staaten · ~450 Mio. Menschen · 24 Amtssprachen [1] · Österreich: Volksabstimmung 12.6.1994, 66,6 % Ja, Beitritt 1.1.1995 [2] · Schweiz: EWR-Nein 1992 (50,3 %), heute über 100 bilaterale Verträge; Liechtenstein: EWR seit 1995 [3]
🎮 In der Simulation: Der Fall „Stop Brexit!" dreht sich genau um diese Grenze: Bevor eine Bürgerinitiative überhaupt Unterschriften sammeln darf, prüft die Kommission die Zuständigkeit – darf die EU das Thema überhaupt regeln? Die Karte „EU-Zuständigkeit" (i-Symbol!) erklärt, was die EU darf und was nicht. Gut zu wissen aus der Simulation: Über ein Drittel aller eingereichten Bürgerinitiativen scheitert schon an dieser ersten Hürde.
💡 Didaktischer Hinweis: Der Blick über die Schweizer Grenze ist für Vorarlberger Klassen der stärkste Anker: Viele kennen Zollkontrolle, Einkaufstourismus und teureres Roaming in der Schweiz aus eigener Erfahrung. Lassen Sie D-A-CH systematisch vergleichen (AT: Mitglied · DE: Gründungsnähe/Mitglied · CH: bilateral · FL: EWR). Stolperstein: „Europa = EU" – Europarat, Schengen und Eurozone sind jeweils eigene Kreise; eine schnelle Mengendiagramm-Skizze an der Tafel klärt viel.
SEITE 2 · INSTITUTIONEN

2 · Wer macht was in der EU?

Drei große Einrichtungen sind wichtig:

1. Die EU-Kommission.
Sie ist so etwas wie die Regierung der EU.
Nur sie darf neue Gesetze vorschlagen.

2. Das EU-Parlament.
Es hat 720 Mitglieder.
Die Menschen in der EU wählen es alle 5 Jahre.
In Österreich darfst du ab 16 Jahren wählen.

3. Der Minister-Rat.
Dort sitzen Minister:innen aus allen 27 Ländern.

Ein Gesetz gilt nur:
Wenn das Parlament Ja sagt.
Und wenn der Minister-Rat auch Ja sagt.

📊 Echte Zahlen:
Im EU-Parlament sitzen 720 Menschen.
20 davon kommen aus Österreich.
96 kommen aus Deutschland.
🎮 In der Simulation:
Du bekommst Karten: Kommission, Parlament, Minister-Rat.
Tippe auf das i-Zeichen.
Dann lernst du jede Einrichtung kennen.
Die Frage ist oft: Wer darf das Gesetz vorschlagen?
Die richtige Antwort: nur die Kommission.
✏️ Aufgabe:
  1. Wer darf in der EU ein Gesetz vorschlagen?
    Wer muss dem Gesetz zustimmen?

2 · Wer macht was? Die Institutionen der EU

Drei Institutionen bauen gemeinsam jedes EU-Gesetz. Die ist so etwas wie die Regierung der Union: 27 Kommissar:innen, eine:r pro Land, mit Ursula von der Leyen an der Spitze. Sie verwaltet, kontrolliert die Einhaltung der Verträge – und sie allein besitzt das : Nur die Kommission darf offiziell neue Gesetze vorschlagen.

Das vertritt die Bürger:innen. Es ist die einzige EU-Institution, die direkt gewählt wird – alle fünf Jahre, in Österreich schon ab 16. Seine 720 Abgeordneten sitzen nicht nach Ländern, sondern nach politischer Richtung in Fraktionen. Der vertritt die Regierungen: Je nach Thema treffen sich die zuständigen Minister:innen der 27 Staaten – bei Umweltgesetzen etwa alle Umweltminister:innen.

Achtung, Verwechslungsgefahr: Der (die Staats- und Regierungschefs) beschließt keine Gesetze, sondern nur die großen Leitlinien. Und der „Europarat" in Straßburg gehört gar nicht zur EU.

📊 Echte Zahlen: EU-Parlament seit 2024: 720 Abgeordnete, davon 20 aus Österreich, 96 aus Deutschland (Maximum), 6 aus Malta (Minimum) · Wahl alle 5 Jahre · Wahlbeteiligung 2024: 51 % [4]
Merke: Die Kommission schlägt vor, Parlament und Ministerrat beschließen gemeinsam. Parlament und Rat können die Kommission nur auffordern, tätig zu werden – schreiben darf den Gesetzestext nur sie.
🎮 In der Simulation: Die Institutionen begegnen dir als Karten – jede mit i-Symbol und einer Detail-Ansicht voller Fakten (Sitz, Mitglieder, Aufgaben, „Im Fall …"-Kontext). Die Schlüsselfrage kommt in fast jedem Fall: „Wer darf den Gesetzestext einbringen?" Wer hier Parlament oder Ministerrat wählt, sieht die Karte im Mülleimer landen – mit Erklärung, warum nur die Kommission das Initiativrecht hat.
✏️ Aufgaben:
  1. AOrdne zu: Wer schlägt EU-Gesetze vor? Wer beschließt sie? Wer wird direkt gewählt?
  2. BÖffne in der Simulation die Detail-Ansichten von Kommission, Parlament und Ministerrat (i-Symbol). Notiere zu jeder Institution zwei Fakten und vergleiche mit deiner Sitznachbarin oder deinem Sitznachbarn.
  3. C„Das EU-Parlament ist mächtig – aber nicht so mächtig wie der Nationalrat." Prüfe diese Aussage: Was darf der Nationalrat, was das EU-Parlament nicht darf? (Tipp: Initiativrecht.)
💡 Erwartungshorizont (Auswahl): A: Kommission schlägt vor; Parlament + Ministerrat beschließen; Parlament wird direkt gewählt. C: Der Nationalrat kann selbst Gesetzesanträge einbringen (Initiativanträge), das EU-Parlament nicht – es kann die Kommission nur auffordern. Stolperstein „drei Räte": Europäischer Rat (Chefs, Leitlinien) ≠ Rat der EU (Minister:innen, Gesetzgeber) ≠ Europarat (kein EU-Organ, Menschenrechte, 46 Staaten). Diese Unterscheidung wird in der Simulation aktiv geprüft: Die Karte „Europäischer Rat" ist in der Zustimmungs-Frage ein beliebter Fehlgriff – nutzen Sie die Mülleimer-Momente als Lernanlass.
SEITE 3 · WEG EINES GESETZES

3 · Der Weg eines Gesetzes

Ein EU-Gesetz entsteht in Schritten:

1. Die Kommission schlägt ein Gesetz vor.
2. Das Parlament berät und ändert.
3. Der Minister-Rat berät und ändert.
4. Beide müssen Ja sagen.
Dann gilt das Gesetz.

Ein Beispiel: das Lade-Kabel.
Früher hatte jedes Handy einen anderen Stecker.
Das war teuer. Und es gab viel Müll.
Zuerst bat die EU die Firmen freundlich: Einigt euch!
Fast alle machten mit. Aber Apple nicht.
Darum machte die EU ein Gesetz.
Seit Ende 2024 brauchen alle neuen Handys den gleichen Stecker: USB-C.

📊 Echte Zahlen:
Auch das Telefonieren im Urlaub regelt die EU.
Seit dem Jahr 2017 kostet das Handy im EU-Ausland nichts extra.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Ein Kabel für alle" baust du den Weg nach.
Du legst Karten in einen Lücken-Text.
Zum Beispiel: Parlament und Minister-Rat müssen zustimmen.
✏️ Aufgabe:
  1. Bringe die Schritte in die richtige Reihenfolge:
    Parlament und Rat sagen Ja. – Die Kommission schlägt vor. – Das Gesetz gilt.

3 · Vom Vorschlag zum Gesetz: das Mitentscheidungsverfahren

Der Normalweg eines EU-Gesetzes heißt : Die Kommission legt einen Vorschlag vor, dann beraten Parlament und Ministerrat – beide dürfen ändern, beide müssen am Ende zustimmen. Können sie sich nicht einigen, treffen sich Verhandler:innen beider Seiten mit der Kommission zum , einer informellen Kompromissrunde. Es gibt bis zu drei „Lesungen" – scheitern alle, ist der Vorschlag gescheitert. Das fertige Gesetz ist entweder eine Verordnung (gilt sofort überall gleich) oder eine Richtlinie (jedes Land baut sie in eigene Gesetze um) – beides zusammen nennt man .

Oft versucht die EU vorher den sanften Weg: eine der Branche. Beim Ladekabel unterschrieben 2009 fast alle Hersteller eine Selbstverpflichtung – nur Apple zog nicht mit. Nach Jahren des Wartens schlug die Kommission 2021 die USB-C-Pflicht vor; 2022 stimmten Parlament und Rat zu, seit dem 28. Dezember 2024 gilt sie für neue Handys, Tablets und Kopfhörer [5]. Ähnlich beim Roaming: freiwillige Preissenkungen reichten nicht, also kamen ab 2007 Verordnungen – seit dem 15. Juni 2017 kostet das Handy im EU-Ausland nichts extra [6].

📊 Echte Zahlen: USB-C-Pflicht für Handys, Tablets, Kopfhörer seit 28.12.2024, für Laptops ab 28.12.2026 [5] · Roaming-Aufschläge in der EU abgeschafft seit 15.6.2017 („Roam Like At Home") [6]
Merke: Kommission schlägt vor → Parlament und Ministerrat verhandeln (notfalls im Trilog) → beide stimmen zu → das Gesetz gilt für alle 27 Staaten.
🎮 In der Simulation: Das Verfahren baust du als Lückentext mit Satz-Bausteinen nach: „Diese zwei Institutionen müssen einem EU-Gesetz zustimmen: … und …" – nur Parlament + Ministerrat passen, der Europäische Rat und die Volksabstimmung wandern in den Mülleimer. Der Fall „Ein Kabel für alle" zeigt den Weg mit freiwilliger Vereinbarung zuerst, „Roaming abschaffen" zeigt, dass ein Gesetz auch in mehreren Stufen (2007 · 2012 · 2017) verschärft werden kann. Die Prozessleiste unten hält jeden Schritt fest – inklusive Sackgassen.
💡 Didaktischer Hinweis: Der Trilog steht in keinem Vertrag – er ist gelebte Praxis und ein gutes Beispiel dafür, dass politische Verfahren informelle Abkürzungen entwickeln. Vertiefungsimpuls für Leistungsstarke: „Verordnung vs. Richtlinie – warum war USB-C eine Richtlinie (Umbau ins nationale Funkanlagenrecht), die DSGVO aber eine Verordnung?" Stolperstein: Schüler:innen erwarten eine EU-weite Volksabstimmung als letzten Schritt – die gibt es bei EU-Gesetzen nicht, was die Simulation konsequent (und für manche überraschend) zurückweist.
SEITE 4 · BÜRGERINITIATIVE

4 · Du kannst mit-bestimmen

In der EU gibt es ein Werkzeug für alle Bürger:innen.
Es heißt: Europäische Bürger-Initiative.
Das geht so:
Menschen sammeln Unter-Schriften für eine Idee.
Sie brauchen 1 Million Unter-Schriften.
Die Unter-Schriften müssen aus mindestens 7 EU-Ländern kommen.
Dann muss die Kommission sich die Idee anschauen.

Ein echtes Beispiel: „End the Cage Age".
Das heißt: Schafft die Käfige ab!
Viele Hühner und Schweine leben in engen Käfigen.
1,4 Millionen Menschen haben unterschrieben.
Die Kommission hat ein Gesetz versprochen.
Aber das Gesetz gibt es bis heute nicht.

📊 Echte Zahlen:
Eine Bürger-Initiative braucht 1 Million Unter-Schriften.
Aus mindestens 7 Ländern.
In Österreich darfst du ab 16 Jahren unterschreiben.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Käfige abschaffen!" hilfst du der Initiative.
Du legst die richtigen Zahlen-Karten in den Satz:
1 Million Unter-Schriften. 7 Länder.
✏️ Aufgabe:
  1. Du willst eine Bürger-Initiative starten.
    Wie viele Unter-Schriften brauchst du?
    Aus wie vielen Ländern?

4 · Mitmachen: die Europäische Bürgerinitiative

Seit 2012 haben EU-Bürger:innen ein eigenes, förmliches Werkzeug: die (EBI). Die Spielregeln: Ein Bürgerkomitee aus mindestens 7 Personen aus 7 EU-Ländern meldet die Initiative an. Danach bleiben 12 Monate Zeit, um 1 Million Unterschriften aus mindestens 7 Ländern zu sammeln – in Österreich darfst du ab 16 unterschreiben [7]. Gelingt das, muss die Kommission die Initiator:innen anhören und binnen sechs Monaten begründet antworten. Sie muss dem Anliegen aber nicht folgen – eine EBI ist stärker als eine , aber kein Volksbegehren mit Gesetzeskraft.

Was daraus werden kann, zeigen echte Fälle: „Right2Water" (Wasser ist ein Menschenrecht) war die erste erfolgreiche EBI überhaupt und floss in die neue EU-Trinkwasser-Richtlinie ein. „End the Cage Age" sammelte 2018–2019 1.397.113 Unterschriften aus 18 Ländern; 2021 versprach die Kommission ein Käfigverbot-Gesetz [8] – vorgelegt hat sie es bis heute nicht, weshalb die Initiator:innen sie 2024 vor dem Gericht der EU verklagten [9]. „Stop Vivisection" gegen Tierversuche schaffte 1.173.130 Unterschriften und alle formalen Hürden – die Kommission lehnte am 3. Juni 2015 trotzdem inhaltlich ab [10].

📊 Echte Zahlen: EBI-Hürden: 1 Mio. Unterschriften · mind. 7 Länder · 12 Monate [7] · „End the Cage Age": 1.397.113 Unterschriften aus 18 Ländern [8] · „Stop Vivisection": 1.173.130 Unterschriften, inhaltlich abgelehnt am 3.6.2015 [10]
Merke: Eine erfolgreiche Bürgerinitiative zwingt die Kommission zum Antworten – nicht zum Handeln. Sie macht ein Thema sichtbar; das letzte Wort über einen Gesetzesvorschlag behält die Kommission.
🎮 In der Simulation: Gleich vier Fälle drehen sich um Bürgerinitiativen: „Käfige abschaffen!" (Erfolg im Verfahren, Versprechen offen), „Stop Vivisection" und „Glyphosat stoppen?" (formal erfolgreich, inhaltlich abgelehnt) und „Wasser ist ein Menschenrecht" (echter Durchbruch). Die Hürden baust du als Lückentext: Welche Zahlen-Karte stimmt – 100.000, 1 Million oder 10 Millionen? 1, 7 oder 27 Länder? Die Prozessleiste zeigt dir am Ende, wo jeder Fall gelandet ist.
✏️ Aufgaben:
  1. ANenne die drei Hürden einer Europäischen Bürgerinitiative (Unterschriften, Länder, Zeit).
  2. BVergleiche „End the Cage Age" und „Stop Vivisection": Was haben beide erreicht? Woran sind beide (bisher) gescheitert? Bearbeite dazu beide Fälle in der Simulation.
  3. C„Eine Bürgerinitiative, die kein Gesetz erzwingen kann, ist wertlos." Nimm begründet Stellung – nutze mindestens ein Beispiel, bei dem eine EBI trotzdem etwas bewirkt hat.
💡 Erwartungshorizont C: Contra „wertlos": Right2Water floss in die Trinkwasser-Richtlinie ein; End the Cage Age erzwang Anhörung, Parlamentsresolution (558:37) und ein öffentliches Versprechen – und hält das Thema über die Klage vor dem EU-Gericht auf der Agenda. Pro: Kommission behält Letztentscheid (Stop Vivisection, Glyphosat). Ziel ist ein differenziertes Urteil: Agenda-Setting-Macht ja, Entscheidungsmacht nein. Aufgabe B im Cockpit: Beide Fälle tauchen unter „Ergebnisse" mit Sterne-Wertung auf – Sie sehen, wer beide wirklich bearbeitet hat.
SEITE 5 · LOBBY & GRENZEN

5 · Lobbys und Grenzen

Viele Firmen wollen Gesetze beeinflussen.
Sie schicken Leute nach Brüssel.
Diese Leute reden mit Politiker:innen.
Das nennt man: Lobby-Arbeit.
Lobby-Arbeit ist erlaubt.
Aber sie muss in einer Liste stehen.
Diese Liste heißt: Transparenz-Register.

Beispiel Lade-Kabel:
Die Firma Apple war gegen das Gesetz.
Sie hat viele Jahre dagegen gekämpft.
Das Gesetz kam trotzdem.

Und manchmal darf die EU gar nicht helfen.
Beispiel: „Stop Brexit".
Menschen wollten verhindern, dass Groß-Britannien die EU verlässt.
Aber jedes Land darf selbst über den Austritt entscheiden.
Darum musste die EU Nein sagen.

Merke:
In einer Demokratie gibt es klare Regeln.
Die Regeln gelten auch, wenn das Ergebnis wehtut.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Stop Brexit" landet die Initiative im Müll-Eimer.
Das ist kein Fehler.
Die EU war für dieses Thema nicht zuständig.
✏️ Aufgabe:
  1. Was ist Lobby-Arbeit?
    Erkläre es in einem Satz.

5 · Lobbys, Mülleimer und die Grenzen der Demokratie

Wo Gesetze für 450 Millionen Menschen entstehen, wird um Einfluss gerungen. – die organisierte Einflussnahme auf Politik – ist in der EU legal, aber registrierungspflichtig: Im sind über 12.000 Interessenvertretungen eingetragen [11], von Apple und Bayer bis zu Greenpeace und Verbraucherschützer:innen. Lobby ist also nicht automatisch „böse" – aber die Kräfte sind ungleich verteilt. Beim Ladekabel stemmte sich Apple über ein Jahrzehnt gegen die Vereinheitlichung; von der gescheiterten freiwilligen Vereinbarung 2009 bis zur USB-C-Pflicht 2024 vergingen 15 Jahre – am Ende setzte sich das Gesetz trotzdem durch.

Demokratie hat aber auch eingebaute Grenzen. „Stop Brexit" wurde 2017 gar nicht erst zur Unterschriftensammlung zugelassen: Der EU-Vertrag (Artikel 50) garantiert jedem Staat das Recht auszutreten – die EU hatte schlicht keine , den Brexit zu verhindern [12]. Die Ablehnung war rechtsstaatlich korrekt, so bitter sie für die Betroffenen war. Und bei Glyphosat sammelte eine EBI 1,3 Millionen Unterschriften gegen das Pestizid – doch weil die EU-Behörde EFSA keinen Verbotsgrund sah und die Mitgliedstaaten keine Mehrheit fanden, verlängerte die Kommission die Zulassung 2023 um zehn Jahre, bis Ende 2033 [13]. Verfahren garantieren Fairness – nicht das Wunschergebnis.

📊 Echte Zahlen: EU-Transparenzregister: über 12.000 registrierte Interessenvertretungen [11] · Glyphosat: Zulassung im Dezember 2023 um 10 Jahre verlängert, bis 15.12.2033 – die Mitgliedstaaten fanden zuvor keine qualifizierte Mehrheit dafür oder dagegen [13]
Merke: Drei Lehren aus den echten Fällen: (1) Lobby gehört zur Demokratie, braucht aber Transparenz. (2) Die EU darf nur handeln, wo sie zuständig ist. (3) Ein faires Verfahren garantiert kein Wunschergebnis – Demokratie ist ein langer Atem.
🎮 In der Simulation: Die Lobby-Karte taucht in den Fällen USB-C, Glyphosat, DSGVO und AI Act auf – inklusive der Frage, was Konzerne in Brüssel eigentlich tun. In „Stop Brexit!" endet der Fall bewusst im Mülleimer („Im Mülleimer – mit Recht?"): Hier lernst du, dass eine Ablehnung richtig sein kann. „Glyphosat stoppen?" ist der längste Fall mit sechs Schritten – vom Wissenschaftsstreit IARC gegen EFSA bis zur überraschenden Abstimmung der Mitgliedstaaten. Wer alle zehn Fälle abschließt, holt die Auszeichnung „Marathon".
✏️ Abschluss-Aufgaben:
  1. BErkläre den Unterschied zwischen „Stop Brexit" (nicht zugelassen) und „Stop Vivisection" (zugelassen, aber abgelehnt). Welche Hürde hat jeweils gestoppt?
  2. CSchreibe eine kurze Rede (5 Sätze) an eine Klasse, die sagt: „Die EU ist undemokratisch, Lobbys entscheiden alles." Widersprich mit drei Argumenten aus diesem Kapitel – und benenne ehrlich einen Punkt, der wirklich Kritik verdient.
  3. DEntwirf eine eigene Europäische Bürgerinitiative: Thema, Forderung, Zuständigkeits-Check (darf die EU das regeln?). Prüfe sie gegenseitig in der Klasse wie die Kommission.
💡 Differenzierung & Auswertung: Aufgabe D eignet sich als Gruppenprojekt mit „Kommissions-Rollenspiel": Eine Gruppe prüft die Zuständigkeit der anderen – genau die Prüfung, an der „Stop Brexit" scheiterte. Leistungsstarke Gruppen bearbeiten die Simulation im Profi-Modus (weniger Hilfen) oder übernehmen den sechsteiligen Glyphosat-Fall. Im Cockpit unter „Ergebnisse" sehen Sie pro Fall Sterne, Versuche und Mülleimer-Zahl – hohe Mülleimer-Werte bei Seite-2-Fragen deuten fast immer auf die Rat/Räte-Verwechslung hin. Für den inklusiven Unterricht: Leichte-Sprache-Version dieses Kapitels – gleiche Bilder, gleiche Kernaussagen, reduzierte Aufgaben.
QUELLEN

Quellen & zum Weiterlesen

Alle Zahlen in diesem Heft sind echt.
Sie kommen von der EU, von Ämtern und von Zeitungen.
Hier stehen die Quellen:

[1] Europäische Union: Zahlen und Fakten — european-union.europa.eu
[2] Parlament Österreich: Vor 30 Jahren — Österreichs Weg in die Europäische Union — parlament.gv.at
[3] Europäisches Parlament: Der EWR, die Schweiz und der Norden (Kurzdarstellung) · EDA: Überblick bilateraler Weg — europarl.europa.eu · europa.eda.admin.ch
[4] Europäisches Parlament: Ergebnisse der Europawahl 2024 (Sitze & Wahlbeteiligung) — results.elections.europa.eu
[5] Bundesumweltministerium (DE): Einheitliches Ladekabel ist jetzt Standard · Europäisches Verbraucherzentrum Österreich: USB-C für alles? — bundesumweltministerium.de · europakonsument.at
[6] Europäische Kommission: The history of roaming — digital-strategy.ec.europa.eu
[7] oesterreich.gv.at: Europäische Bürgerinitiative (Regeln, Unterschriftsalter) · EU-Parlament: Kurzdarstellung EBI — oesterreich.gv.at · europarl.europa.eu
[8] EU-Register der Bürgerinitiativen: End the Cage Age (Unterschriften & Antwort der Kommission) — europa.eu/citizens-initiative
[9] Albert Schweitzer Stiftung: „End the Cage Age" klagt gegen EU-Kommission (2024) — albert-schweitzer-stiftung.de
[10] EU-Register der Bürgerinitiativen: Stop Vivisection · EU-Kommission: Antwort vom 3.6.2015 — citizens-initiative.europa.eu · europa.eu/rapid
[11] EU-Transparenzregister · EU-Parlament: Mehr Klarheit über Lobbyarbeit — transparency-register.europa.eu · europarl.europa.eu
[12] EU-Kommission: Registrierungs-Entscheidungen 2017 — Ablehnung der Initiative gegen den Brexit — citizens-initiative.europa.eu
[13] Bundeszentrale für politische Bildung: EU verlängert Glyphosat-Genehmigung (2023) — bpb.de