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EU-WERKSTATT · KAPITEL-START

Geografie und wirtschaftliche Bildung · Politische Bildung · Sek I

Wie ein EU-Gesetz entsteht

Wer entscheidet in Europa?
Und was kannst du selbst tun, damit ein Gesetz entsteht?

Darum geht es in diesem Heft:
Die EU ist ein Bund aus 27 Ländern.
Österreich und Deutschland sind dabei.
Die Schweiz ist nicht dabei.
Du lernst: Wer macht die Gesetze in der EU?
Du lernst: Wie kannst du selbst mit-bestimmen?
Und du lernst: Warum klappt das manchmal nicht?
🎮 So arbeitest du mit der Simulation:
Du bearbeitest echte Fälle aus der EU.
Zum Beispiel: das gleiche Lade-Kabel für alle Handys.
Du beantwortest Fragen mit Karten.
Jede Karte hat ein i-Zeichen. Es erklärt dir alles.
Eine falsche Karte landet im Müll-Eimer.
Am Ende liest du: So war es wirklich.

Wer entscheidet eigentlich in Europa – und was kannst du selbst bewirken, damit aus einer Idee ein Gesetz für 450 Millionen Menschen wird?

Darum geht es in diesem Kapitel: Du lernst, wie die Europäische Union funktioniert. Welche Ämter gibt es? Und wer darf neue Gesetze vorschlagen? Nur die EU-Kommission darf das. Man nennt dieses Recht . Du siehst, wie ein Schritt für Schritt entsteht. Diesen Weg nennt man . Du erfährst auch, wie du selbst mitbestimmen kannst – mit einer . Und du lernst, warum das oft schwer ist. Es reden mit. Die EU ist nicht für alles zuständig. Und 27 Staaten müssen sich erst einigen.
AT · GW 4.2 & 4.5 (EU, Grundfreiheiten, Werte) AT · GW 4.4 & 4.6 (EU-Integration) AT · GPB 4. Kl. (Europäisierung, Mitbestimmung) DE · BY: Einheit & Vielfalt in Europa (Jg. 7) DE · DGfG H3 (raumpolitische Beteiligung) CH · LP21 RZG.8.3 (Schweiz und EU)
🎮 So arbeitest du mit der Simulation: Du arbeitest dich durch zehn echte EU-Fälle. Es geht zum Beispiel um das Käfig-Verbot für Tiere („End the Cage Age"), um das einheitliche Ladekabel (USB-C) und um „Stop Brexit". In jedem Fall begleitest du eine Jugendliche oder einen Jugendlichen. Du beantwortest die wichtigen Fragen mit Karten – zu Ämtern, Verfahren und Beteiligten. Jede Karte hat ein i-Symbol. Tippst du darauf, öffnet sich eine Ansicht voller Fakten. Falsche Antworten bekommen eine Erklärung. Grobe Fehler landen sichtbar im Mülleimer. Die Prozessleiste zeigt dir den Weg des Falls Schritt für Schritt. Am Ende liest du unter „So war es wirklich", wie es in Brüssel ausging. Pro Fall gibt es bis zu 5 Sterne, dazu Auszeichnungen und einen Profi-Modus mit weniger Hilfen.
💡 Verlaufsvorschlag (Doppelstunde): (1) Einstieg 10′ – Ladekabel hochhalten: „Warum passt heute ein Kabel in fast jedes Handy?" Vorwissen zur EU sammeln (Karte: Wer ist Mitglied? Schweiz?). (2) Erarbeitung I 15′ – Seiten 1–2 gemeinsam (Was ist die EU, Institutionen). (3) Simulation 30′ – Pflichtfall „Käfige abschaffen!" (Bürgerinitiative), danach ein Wahlfall („Ein Kabel für alle" oder „Stop Brexit!"). (4) Auswertung 15′ – Lehrer-Cockpit → Ergebnisse: Sterne und Mülleimer-Zahl vergleichen; Kernfrage: „Wer darf in der EU Gesetze vorschlagen?" (5) Vertiefung 20′ – Seiten 4–5 (Bürgerinitiative, Lobby & Grenzen), Debatte zu Glyphosat als Abschluss oder Hausübung.
Hinweis: Die Simulation dauert pro Fall nur 5–10 Minuten – gut portionierbar. Für den inklusiven Unterricht gibt es dieses Kapitel zusätzlich in Leichter Sprache.
SEITE 1 · WAS IST DIE EU?

1 · Was ist die EU?

EU heißt: Europäische Union.
Das ist ein Bund aus 27 Ländern.
In der EU leben ungefähr 450 Millionen Menschen.
Österreich ist seit 1995 dabei.
Deutschland war von Anfang an dabei.

Die Schweiz ist nicht in der EU.
Die Schweiz hat eigene Verträge mit der EU.
Das kleine Land Liechtenstein ist auch nicht in der EU.
Aber es macht beim gemeinsamen Markt mit.

Die EU darf nicht alles bestimmen.
Über die Schule bestimmt jedes Land selbst.
Über den Handel bestimmt die EU für alle.

📊 Echte Zahlen:
1994 gab es in Österreich eine Volks-Abstimmung über die EU.
Von 100 Menschen sagten ungefähr 66: Ja, wir wollen in die EU.
Seit dem 1. Jänner 1995 ist Österreich in der EU.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Stop Brexit" lernst du:
Die EU darf nicht alles.
Die Karte „EU-Zuständigkeit" erklärt dir das genau.
✏️ Aufgabe:
  1. Schau auf eine Europa-Karte.
    Welche Nachbar-Länder von Österreich sind in der EU?
    Welches Nachbar-Land ist nicht in der EU?

1 · Was die EU ist – und was nicht

Die Europäische Union ist ein Verbund von 27 Staaten. In ihr leben rund 450 Millionen Menschen, und es gibt 24 Amtssprachen [1]. Die EU ist aber kein Bundesstaat wie die USA. Jedes Mitglied bleibt ein eigener Staat. Die Länder haben nur vereinbart, manche Dinge gemeinsam zu regeln. Das Wichtigste ist der . Er bringt vier Freiheiten: Waren, Menschen, Dienstleistungen und Geld dürfen frei über die Grenzen. Man nennt sie die vier . Du spürst die EU jeden Tag, oft ohne es zu merken. Dein Handy kostet im EU-Ausland nichts extra – das nennt man . In 20 Ländern zahlst du mit dem Euro. Mit Erasmus+ kannst du ein Jahr im Ausland lernen. Und an den meisten Grenzen innerhalb der EU hält dich niemand mehr an – dafür sorgt das .

Österreich stimmte am 12. Juni 1994 über den Beitritt ab. In dieser Volksabstimmung sagten 66,6 % Ja. Seit dem 1. Jänner 1995 ist Österreich Mitglied [2]. Die Schweiz ging einen anderen Weg. 1992 lehnte das Stimmvolk knapp ab, dem beizutreten (50,3 % Nein). Der Europäische Wirtschaftsraum verbindet Länder mit dem Binnenmarkt, ohne dass sie EU-Mitglied sind. Seither regelt die Schweiz ihr Verhältnis zur EU mit über 100 einzelnen Verträgen [3]. Das winzige Liechtenstein ist seit 1995 im EWR. So macht es beim Binnenmarkt mit, ohne EU-Mitglied zu sein [3].

Wichtig ist: Die EU darf nicht alles regeln. Sie darf nur das, wofür ihr die Staaten die gegeben haben. Handel, Verbraucherschutz oder Umwelt-Regeln – ja. Schule, Steuern, Familie oder Militär – das bleibt Sache der einzelnen Länder. Dahinter steht ein wichtiges Prinzip: die . Es bedeutet: Die EU soll nur regeln, was sie besser kann als die Länder allein. Alles andere wird möglichst nah bei den Menschen entschieden.

📊 Echte Zahlen: EU: 27 Staaten · ~450 Mio. Menschen · 24 Amtssprachen [1] · Österreich: Volksabstimmung 12.6.1994, 66,6 % Ja, Beitritt 1.1.1995 [2] · Schweiz: EWR-Nein 1992 (50,3 %), heute über 100 ; Liechtenstein: EWR seit 1995 [3]
🎮 In der Simulation: Der Fall „Stop Brexit!" dreht sich genau um diese Grenze. Bevor eine Bürgerinitiative Unterschriften sammeln darf, prüft die Kommission zuerst die Zuständigkeit: Darf die EU dieses Thema überhaupt regeln? Die Karte „EU-Zuständigkeit" (mit i-Symbol!) erklärt dir, was die EU darf und was nicht. Übrigens: Mehr als ein Drittel aller Bürgerinitiativen scheitert schon an dieser ersten Hürde.
💡 Didaktischer Hinweis: Der Blick über die Schweizer Grenze ist für Vorarlberger Klassen der stärkste Anker. Viele kennen Zollkontrolle, Einkaufstourismus und teureres Roaming in der Schweiz aus eigener Erfahrung. Lassen Sie D-A-CH systematisch vergleichen: AT ist Mitglied, DE Gründungsnähe und Mitglied, die CH bilateral verbunden, FL im EWR. Ein häufiger Denkfehler ist „Europa = EU". Europarat, Schengen-Raum und Eurozone sind aber jeweils eigene Kreise. Eine schnelle Mengendiagramm-Skizze an der Tafel klärt das schnell.
SEITE 2 · INSTITUTIONEN

2 · Wer macht was in der EU?

Drei große Einrichtungen sind wichtig:

1. Die EU-Kommission.
Sie ist so etwas wie die Regierung der EU.
Nur sie darf neue Gesetze vorschlagen.

2. Das EU-Parlament.
Es hat 720 Mitglieder.
Die Menschen in der EU wählen es alle 5 Jahre.
In Österreich darfst du ab 16 Jahren wählen.

3. Der Minister-Rat.
Dort sitzen Minister:innen aus allen 27 Ländern.

Ein Gesetz gilt nur:
Wenn das Parlament Ja sagt.
Und wenn der Minister-Rat auch Ja sagt.

📊 Echte Zahlen:
Im EU-Parlament sitzen 720 Menschen.
20 davon kommen aus Österreich.
96 kommen aus Deutschland.
🎮 In der Simulation:
Du bekommst Karten: Kommission, Parlament, Minister-Rat.
Tippe auf das i-Zeichen.
Dann lernst du jede Einrichtung kennen.
Die Frage ist oft: Wer darf das Gesetz vorschlagen?
Die richtige Antwort: nur die Kommission.
✏️ Aufgabe:
  1. Wer darf in der EU ein Gesetz vorschlagen?
    Wer muss dem Gesetz zustimmen?

2 · Wer macht was? Die Institutionen der EU

Drei Einrichtungen bauen gemeinsam jedes EU-Gesetz. Die erste ist die . Sie ist so etwas wie die Regierung der Union: 27 Kommissar:innen, eine:r pro Land, geführt von Ursula von der Leyen. Die Kommission verwaltet und passt auf, dass alle die Verträge einhalten. Und nur sie hat das . Das heißt: Nur die Kommission darf offiziell neue Gesetze vorschlagen.

Die zweite Einrichtung ist das . Es vertritt die Bürger:innen. Es ist die einzige EU-Einrichtung, die direkt gewählt wird – alle fünf Jahre, in Österreich schon ab 16 Jahren. Seine 720 Abgeordneten sitzen nicht nach Ländern zusammen. Sie sitzen nach politischer Richtung in Gruppen, den . Die dritte Einrichtung ist der . Er vertritt die Regierungen. Je nach Thema treffen sich die passenden Minister:innen der 27 Staaten. Bei Umweltgesetzen kommen zum Beispiel alle Umweltminister:innen zusammen.

Achtung, hier verwechselt man leicht etwas. Der ist etwas anderes. Dort sitzen die Staats- und Regierungschefs. Sie beschließen keine Gesetze, sondern nur die großen Leitlinien. Und der „Europarat" in Straßburg gehört gar nicht zur EU.

📊 Echte Zahlen: EU-Parlament seit 2024: 720 Abgeordnete, davon 20 aus Österreich, 96 aus Deutschland (Maximum), 6 aus Malta (Minimum) · Wahl alle 5 Jahre · Wahlbeteiligung 2024: 51 % [4]
Merke: Die Kommission schlägt vor, Parlament und Ministerrat beschließen gemeinsam. Parlament und Rat können die Kommission nur auffordern, tätig zu werden – schreiben darf den Gesetzestext nur sie.
🎮 In der Simulation: Die Einrichtungen begegnen dir als Karten. Jede hat ein i-Symbol und eine Detail-Ansicht voller Fakten: Sitz, Mitglieder, Aufgaben und „Im Fall …"-Kontext. In fast jedem Fall kommt dieselbe Schlüsselfrage: „Wer darf den Gesetzestext einbringen?" Wer hier Parlament oder Ministerrat wählt, sieht die Karte im Mülleimer landen – mit einer Erklärung, warum nur die Kommission das Initiativrecht hat.
✏️ Aufgaben:
  1. AOrdne zu: Wer schlägt EU-Gesetze vor? Wer beschließt sie? Wer wird direkt gewählt?
  2. BÖffne in der Simulation die Detail-Ansichten von Kommission, Parlament und Ministerrat (i-Symbol). Notiere zu jeder Institution zwei Fakten und vergleiche mit deiner Sitznachbarin oder deinem Sitznachbarn.
  3. C„Das EU-Parlament ist mächtig – aber nicht so mächtig wie der Nationalrat." Prüfe diese Aussage: Was darf der Nationalrat, was das EU-Parlament nicht darf? (Tipp: Initiativrecht.)
💡 Erwartungshorizont (Auswahl): A: Die Kommission schlägt vor. Parlament und Ministerrat beschließen. Das Parlament wird direkt gewählt. C: Der Nationalrat kann selbst Gesetzesanträge einbringen (Initiativanträge), das EU-Parlament nicht – es kann die Kommission nur auffordern. Stolperstein „drei Räte": Der Europäische Rat (Chefs, Leitlinien) ist nicht der Rat der EU (Minister:innen, Gesetzgeber). Und beide sind nicht der Europarat (kein EU-Organ, Menschenrechte, 46 Staaten). Die Simulation prüft diese Unterscheidung aktiv: Die Karte „Europäischer Rat" ist in der Zustimmungs-Frage ein beliebter Fehlgriff. Nutzen Sie die Mülleimer-Momente als Lernanlass.
SEITE 3 · WEG EINES GESETZES

3 · Der Weg eines Gesetzes

Ein EU-Gesetz entsteht in Schritten:

1. Die Kommission schlägt ein Gesetz vor.
2. Das Parlament berät und ändert.
3. Der Minister-Rat berät und ändert.
4. Beide müssen Ja sagen.
Dann gilt das Gesetz.

Ein Beispiel: das Lade-Kabel.
Früher hatte jedes Handy einen anderen Stecker.
Das war teuer. Und es gab viel Müll.
Zuerst bat die EU die Firmen freundlich: Einigt euch!
Fast alle machten mit. Aber Apple nicht.
Darum machte die EU ein Gesetz.
Seit Ende 2024 brauchen alle neuen Handys den gleichen Stecker: USB-C.

📊 Echte Zahlen:
Auch das Telefonieren im Urlaub regelt die EU.
Seit dem Jahr 2017 kostet das Handy im EU-Ausland nichts extra.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Ein Kabel für alle" baust du den Weg nach.
Du legst Karten in einen Lücken-Text.
Zum Beispiel: Parlament und Minister-Rat müssen zustimmen.
✏️ Aufgabe:
  1. Bringe die Schritte in die richtige Reihenfolge:
    Parlament und Rat sagen Ja. – Die Kommission schlägt vor. – Das Gesetz gilt.

3 · Vom Vorschlag zum Gesetz: das Mitentscheidungsverfahren

Der normale Weg eines EU-Gesetzes heißt . Er läuft so: Die Kommission legt einen Vorschlag vor. Dann beraten Parlament und Ministerrat. Beide dürfen etwas ändern, und beide müssen am Ende zustimmen. Können sie sich nicht einigen, gibt es eine besondere Runde: den . Dort verhandeln Vertreter:innen von Parlament, Ministerrat und Kommission einen Kompromiss. Insgesamt gibt es bis zu drei „Lesungen". Scheitern alle, ist der Vorschlag gescheitert. Am Ende steht das fertige Gesetz. Es ist entweder eine oder eine . Eine Verordnung gilt sofort überall gleich. Eine Richtlinie gibt nur das Ziel vor – jedes Land baut sie in eigene Gesetze um. Beides zusammen nennt man .

Oft versucht die EU zuerst den sanften Weg. Sie bittet eine Branche um eine . Beim Ladekabel klappte das nur halb. 2009 unterschrieben fast alle Hersteller, dass sie sich einigen wollen. Nur Apple machte nicht mit. Nach Jahren des Wartens schlug die Kommission 2021 die USB-C-Pflicht vor. 2022 stimmten Parlament und Rat zu. Seit dem 28. Dezember 2024 gilt sie für neue Handys, Tablets und Kopfhörer [5]. Beim Roaming war es ähnlich. Freiwillige Preissenkungen reichten nicht. Also kamen ab 2007 feste Regeln. Seit dem 15. Juni 2017 kostet das Handy im EU-Ausland nichts extra [6].

📊 Echte Zahlen: USB-C-Pflicht für Handys, Tablets, Kopfhörer seit 28.12.2024, für Laptops ab 28.12.2026 [5] · Roaming-Aufschläge in der EU abgeschafft seit 15.6.2017 („Roam Like At Home") [6]
Merke: Kommission schlägt vor → Parlament und Ministerrat verhandeln (notfalls im Trilog) → beide stimmen zu → das Gesetz gilt für alle 27 Staaten.
🎮 In der Simulation: Das Verfahren baust du mit Satz-Bausteinen als Lückentext nach: „Diese zwei Einrichtungen müssen einem EU-Gesetz zustimmen: … und …" Nur Parlament und Ministerrat passen. Der Europäische Rat und die Volksabstimmung wandern in den Mülleimer. Der Fall „Ein Kabel für alle" zeigt zuerst den Weg über die freiwillige Vereinbarung. „Roaming abschaffen" zeigt, dass ein Gesetz auch in mehreren Stufen (2007 · 2012 · 2017) strenger werden kann. Die Prozessleiste unten hält jeden Schritt fest – auch die Sackgassen.
💡 Didaktischer Hinweis: Der Trilog steht in keinem Vertrag. Er ist gelebte Praxis und ein gutes Beispiel dafür, dass politische Verfahren informelle Abkürzungen entwickeln. Vertiefungsimpuls für Leistungsstarke: „Verordnung oder Richtlinie – warum war USB-C eine Richtlinie (Umbau ins nationale Funkanlagenrecht), die DSGVO aber eine Verordnung?" Stolperstein: Schüler:innen erwarten oft eine EU-weite Volksabstimmung als letzten Schritt. Die gibt es bei EU-Gesetzen aber nicht. Die Simulation weist sie konsequent zurück – für manche überraschend.
SEITE 4 · BÜRGERINITIATIVE

4 · Du kannst mit-bestimmen

In der EU gibt es ein Werkzeug für alle Bürger:innen.
Es heißt: Europäische Bürger-Initiative.
Das geht so:
Menschen sammeln Unter-Schriften für eine Idee.
Sie brauchen 1 Million Unter-Schriften.
Die Unter-Schriften müssen aus mindestens 7 EU-Ländern kommen.
Dann muss die Kommission sich die Idee anschauen.

Ein echtes Beispiel: „End the Cage Age".
Das heißt: Schafft die Käfige ab!
Viele Hühner und Schweine leben in engen Käfigen.
1,4 Millionen Menschen haben unterschrieben.
Die Kommission hat ein Gesetz versprochen.
Aber das Gesetz gibt es bis heute nicht.

📊 Echte Zahlen:
Eine Bürger-Initiative braucht 1 Million Unter-Schriften.
Aus mindestens 7 Ländern.
In Österreich darfst du ab 16 Jahren unterschreiben.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Käfige abschaffen!" hilfst du der Initiative.
Du legst die richtigen Zahlen-Karten in den Satz:
1 Million Unter-Schriften. 7 Länder.
✏️ Aufgabe:
  1. Du willst eine Bürger-Initiative starten.
    Wie viele Unter-Schriften brauchst du?
    Aus wie vielen Ländern?

4 · Mitmachen: die Europäische Bürgerinitiative

Seit 2012 haben EU-Bürger:innen ein eigenes, offizielles Werkzeug: die (kurz EBI). Die Regeln sind klar. Zuerst meldet ein Komitee aus mindestens 7 Personen aus 7 EU-Ländern die Initiative an. Danach bleiben 12 Monate Zeit. In dieser Zeit muss man 1 Million Unterschriften aus mindestens 7 Ländern sammeln. In Österreich darfst du ab 16 unterschreiben [7]. Schafft man das, muss die Kommission die Initiator:innen anhören. Und sie muss innerhalb von sechs Monaten begründet antworten. Sie muss dem Wunsch aber nicht folgen. Eine EBI ist also stärker als eine (eine einfache Bitte an die Behörden). Aber sie ist kein Volksbegehren mit Gesetzeskraft.

Echte Fälle zeigen, was daraus werden kann. „Right2Water" (Wasser ist ein Menschenrecht) war die erste erfolgreiche EBI überhaupt. Sie floss in die neue EU-Trinkwasser-Richtlinie ein. „End the Cage Age" forderte ein Ende der Käfig-Haltung. Sie sammelte 2018–2019 1.397.113 Unterschriften aus 18 Ländern. 2021 versprach die Kommission ein Gesetz gegen Käfige [8]. Vorgelegt hat sie es bis heute nicht. Darum verklagten die Initiator:innen sie 2024 vor dem Gericht der EU [9]. „Stop Vivisection" kämpfte gegen Tierversuche. Sie schaffte 1.173.130 Unterschriften und alle formalen Hürden. Die Kommission lehnte am 3. Juni 2015 trotzdem ab [10].

📊 Echte Zahlen: EBI-Hürden: 1 Mio. Unterschriften · mind. 7 Länder · 12 Monate [7] · „End the Cage Age": 1.397.113 Unterschriften aus 18 Ländern [8] · „Stop Vivisection": 1.173.130 Unterschriften, inhaltlich abgelehnt am 3.6.2015 [10]
Merke: Eine erfolgreiche Bürgerinitiative zwingt die Kommission zum Antworten – nicht zum Handeln. Sie macht ein Thema sichtbar; das letzte Wort über einen Gesetzesvorschlag behält die Kommission.
🎮 In der Simulation: Gleich vier Fälle drehen sich um Bürgerinitiativen: „Käfige abschaffen!" (Erfolg im Verfahren, Versprechen noch offen), „Stop Vivisection" und stoppen?" (formal erfolgreich, inhaltlich abgelehnt) und „Wasser ist ein Menschenrecht" (echter Durchbruch). Die Hürden baust du als Lückentext: Welche Zahlen-Karte stimmt – 100.000, 1 Million oder 10 Millionen? 1, 7 oder 27 Länder? Die Prozessleiste zeigt dir am Ende, wo jeder Fall gelandet ist.
✏️ Aufgaben:
  1. ANenne die drei Hürden einer Europäischen Bürgerinitiative (Unterschriften, Länder, Zeit).
  2. BVergleiche „End the Cage Age" und „Stop Vivisection": Was haben beide erreicht? Woran sind beide (bisher) gescheitert? Bearbeite dazu beide Fälle in der Simulation.
  3. C„Eine Bürgerinitiative, die kein Gesetz erzwingen kann, ist wertlos." Nimm begründet Stellung – nutze mindestens ein Beispiel, bei dem eine EBI trotzdem etwas bewirkt hat.
💡 Erwartungshorizont C: Gegen „wertlos": Right2Water floss in die Trinkwasser-Richtlinie ein. End the Cage Age erzwang eine Anhörung, eine Parlamentsresolution (558:37) und ein öffentliches Versprechen – und hält das Thema über die Klage vor dem EU-Gericht auf der Agenda. Für „wertlos" spricht: Die Kommission behält den Letztentscheid (Stop Vivisection, Glyphosat). Ziel ist ein differenziertes Urteil: Agenda-Setting-Macht ja, Entscheidungsmacht nein. Aufgabe B im Cockpit: Beide Fälle tauchen unter „Ergebnisse" mit Sterne-Wertung auf – Sie sehen, wer beide wirklich bearbeitet hat.
SEITE 5 · LOBBY & GRENZEN

5 · Lobbys und Grenzen

Viele Firmen wollen Gesetze beeinflussen.
Sie schicken Leute nach Brüssel.
Diese Leute reden mit Politiker:innen.
Das nennt man: Lobby-Arbeit.
Lobby-Arbeit ist erlaubt.
Aber sie muss in einer Liste stehen.
Diese Liste heißt: Transparenz-Register.

Beispiel Lade-Kabel:
Die Firma Apple war gegen das Gesetz.
Sie hat viele Jahre dagegen gekämpft.
Das Gesetz kam trotzdem.

Und manchmal darf die EU gar nicht helfen.
Beispiel: „Stop Brexit".
Menschen wollten verhindern, dass Groß-Britannien die EU verlässt.
Aber jedes Land darf selbst über den Austritt entscheiden.
Darum musste die EU Nein sagen.

Merke:
In einer Demokratie gibt es klare Regeln.
Die Regeln gelten auch, wenn das Ergebnis wehtut.
🎮 In der Simulation:
Im Fall „Stop Brexit" landet die Initiative im Müll-Eimer.
Das ist kein Fehler.
Die EU war für dieses Thema nicht zuständig.
✏️ Aufgabe:
  1. Was ist Lobby-Arbeit?
    Erkläre es in einem Satz.

5 · Lobbys, Mülleimer und die Grenzen der Demokratie

Wo Gesetze für 450 Millionen Menschen entstehen, kämpfen viele um Einfluss. Das nennt man : Firmen und Verbände versuchen gezielt, die Politik zu beeinflussen. In der EU ist das erlaubt. Aber man muss sich eintragen lassen. Dafür gibt es das , eine öffentliche Liste. Darin stehen über 12.000 Interessenvertretungen [11] – von Apple und Bayer bis zu Greenpeace und Verbraucherschützer:innen. Lobby-Arbeit ist also nicht automatisch „böse". Aber die Kräfte sind ungleich verteilt. Beim Ladekabel wehrte sich Apple über ein Jahrzehnt gegen ein einheitliches Kabel. Von der gescheiterten freiwilligen Vereinbarung 2009 bis zur USB-C-Pflicht 2024 vergingen 15 Jahre. Am Ende setzte sich das Gesetz trotzdem durch.

Die Demokratie hat aber auch eingebaute Grenzen. „Stop Brexit" wurde 2017 gar nicht erst zur Unterschriftensammlung zugelassen. Der EU-Vertrag (Artikel 50) gibt jedem Staat das Recht auszutreten. Die EU hatte also keine , den Brexit zu verhindern [12]. Die Ablehnung war rechtlich korrekt – so bitter sie für die Betroffenen war. Auch bei Glyphosat war es schwierig. Gegen dieses Pflanzenschutz-Mittel sammelte eine EBI 1,3 Millionen Unterschriften. Doch die EU-Behörde EFSA sah keinen Grund für ein Verbot. Und die Mitgliedstaaten fanden keine Mehrheit. Also verlängerte die Kommission 2023 die Zulassung um zehn Jahre, bis Ende 2033 [13]. Verfahren garantieren Fairness – aber nicht das Wunschergebnis.

📊 Echte Zahlen: EU-Transparenzregister: über 12.000 registrierte Interessenvertretungen [11] · Glyphosat: Zulassung im Dezember 2023 um 10 Jahre verlängert, bis 15.12.2033 – die Mitgliedstaaten fanden zuvor keine qualifizierte Mehrheit dafür oder dagegen [13]
Merke: Drei Lehren aus den echten Fällen: (1) Lobby gehört zur Demokratie, braucht aber Transparenz. (2) Die EU darf nur handeln, wo sie zuständig ist. (3) Ein faires Verfahren garantiert kein Wunschergebnis – Demokratie ist ein langer Atem.
🎮 In der Simulation: Die Lobby-Karte taucht in den Fällen USB-C, Glyphosat, DSGVO und AI Act auf. Sie fragt auch, was Konzerne in Brüssel eigentlich tun. In „Stop Brexit!" endet der Fall bewusst im Mülleimer („Im Mülleimer – mit Recht?"). Hier lernst du: Eine Ablehnung kann richtig sein. „Glyphosat stoppen?" ist der längste Fall mit sechs Schritten – vom Wissenschaftsstreit IARC gegen EFSA bis zur überraschenden Abstimmung der Mitgliedstaaten. Wer alle zehn Fälle abschließt, holt die Auszeichnung „Marathon".
✏️ Abschluss-Aufgaben:
  1. BErkläre den Unterschied zwischen „Stop Brexit" (nicht zugelassen) und „Stop Vivisection" (zugelassen, aber abgelehnt). Welche Hürde hat jeweils gestoppt?
  2. CSchreibe eine kurze Rede (5 Sätze) an eine Klasse, die sagt: „Die EU ist undemokratisch, Lobbys entscheiden alles." Widersprich mit drei Argumenten aus diesem Kapitel – und benenne ehrlich einen Punkt, der wirklich Kritik verdient.
  3. DEntwirf eine eigene Europäische Bürgerinitiative: Thema, Forderung, Zuständigkeits-Check (darf die EU das regeln?). Prüfe sie gegenseitig in der Klasse wie die Kommission.
💡 Differenzierung & Auswertung: Aufgabe D eignet sich als Gruppenprojekt mit „Kommissions-Rollenspiel". Eine Gruppe prüft die Zuständigkeit der anderen – genau die Prüfung, an der „Stop Brexit" scheiterte. Leistungsstarke Gruppen bearbeiten die Simulation im Profi-Modus (weniger Hilfen) oder übernehmen den sechsteiligen Glyphosat-Fall. Im Cockpit unter „Ergebnisse" sehen Sie pro Fall Sterne, Versuche und Mülleimer-Zahl. Hohe Mülleimer-Werte bei Seite-2-Fragen deuten fast immer auf die Rat/Räte-Verwechslung hin. Für den inklusiven Unterricht: Leichte-Sprache-Version dieses Kapitels – gleiche Bilder, gleiche Kernaussagen, reduzierte Aufgaben.
QUELLEN

Quellen & zum Weiterlesen

Alle Zahlen in diesem Heft sind echt.
Sie kommen von der EU, von Ämtern und von Zeitungen.
Hier stehen die Quellen:

[1] Europäische Union: Zahlen und Fakten – european-union.europa.eu
[2] Parlament Österreich: Vor 30 Jahren – Österreichs Weg in die Europäische Union – parlament.gv.at
[3] Europäisches Parlament: Der EWR, die Schweiz und der Norden (Kurzdarstellung) · EDA: Überblick bilateraler Weg – europarl.europa.eu · europa.eda.admin.ch
[4] Europäisches Parlament: Ergebnisse der Europawahl 2024 (Sitze & Wahlbeteiligung) – results.elections.europa.eu
[5] Bundesumweltministerium (DE): Einheitliches Ladekabel ist jetzt Standard · Europäisches Verbraucherzentrum Österreich: USB-C für alles? – bundesumweltministerium.de · europakonsument.at
[6] Europäische Kommission: The history of roaming – digital-strategy.ec.europa.eu
[7] oesterreich.gv.at: Europäische Bürgerinitiative (Regeln, Unterschriftsalter) · EU-Parlament: Kurzdarstellung EBI – oesterreich.gv.at · europarl.europa.eu
[8] EU-Register der Bürgerinitiativen: End the Cage Age (Unterschriften & Antwort der Kommission) – europa.eu/citizens-initiative
[9] Albert Schweitzer Stiftung: „End the Cage Age" klagt gegen EU-Kommission (2024) – albert-schweitzer-stiftung.de
[10] EU-Register der Bürgerinitiativen: Stop Vivisection · EU-Kommission: Antwort vom 3.6.2015 – citizens-initiative.europa.eu · europa.eu/rapid
[11] EU-Transparenzregister · EU-Parlament: Mehr Klarheit über Lobbyarbeit – transparency-register.europa.eu · europarl.europa.eu
[12] EU-Kommission: Registrierungs-Entscheidungen 2017 – Ablehnung der Initiative gegen den Brexit – citizens-initiative.europa.eu
[13] Bundeszentrale für politische Bildung: EU verlängert Glyphosat-Genehmigung (2023) – bpb.de